Wo liegt eigentlich Schlesien? Wer sind die Schlesier? Seit wann gibt es diese Region und was zeichnet sie aus? Dies sind nur einige der Fragen, die ich mir zu Beginn des Projektes stelle und denen ich auf unserer fotografischen Entdeckungsreise nachgehen möchte.
Momentan sehe ich Schlesien als eine Region, die die drei Länder Länder – Tschechien, Polen und Deutschland – verbindet und sich durch eine kulturelle sowie sprachliche Vielfalt auszeichnet. Mit allen drei Ländern fühle ich mich verbunden, da ich in der deutsch-polnischen Grenzregion aufgewachsen bin, in Görlitz und Breslau studiert und später in Tschechien gearbeitet habe. Welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede verbinden die Schlesier in den drei Ländern? Und wie wird sich mein Schlesienbild verändern? Mit jedem Ort und Land wird die fotographische Entdeckung an Dimensionen zu nehmen. Seht und lest selbst…

Görlitz/Zgorzelec April 2009

Nach Landschafts- und Portraitfotographie folgten während unseres letzten Wochenendes in Görlitz Theorie und Übungen zur Architekturphotographie. Görlitz und Zgorzelec sind zwei bzw. ist eine faszinierende Stadt, wobei ich vor allem die Plattenbauten interessant fand. Wie leben die Bewohner in und mit der geteilten Stadt?
Der historische Stadtkern von Görlitz, der im Zweiten Weltkrieg fast nicht zerstört wurde, zieht jährlich etliche Touristen an und ist ein beliebtes Fotomotiv. Aber auch das ist Görlitz - Plattenbausiedlungen am Stadtrand, gebaut, um die Wohnungsnot der DDR zu bekämpfen. Bis heute leben ihre Bewohner dort relativ autark.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit der neuen Grenzziehung entlang der Neiße die Stadt Görlitz in einen deutschen und polnischen Teil, Zgorzelec, geteilt. Während sich der historische Stadtkern auf der deutschen Seite befand, musste in Zgorzelec ein neues Zentrum geschaffen werden. So lassen sich in Zgorzelec ebenfalls Plattenbauten finden, ...

... die mir während meines Fotospzierganges sehr bewohnt und lebendig erschienen. Frauen, die einkaufen gehen, spielende Kinder, ältere Männer sitzen auf einer Bank und unterhalten sich oder eben auch bellende Hunde. Wenn auch nicht alles so sauber und repariert ist, entsteht ein sehr sympatischer Eindruck.
Beim verlassen der Siedlung stand ich plötzlich auf einem Feld. Zwischen Supermarkt und anderen Firmengebäuden befindet sich eine Kirche, die auf den ersten Blick kaum als solche zu erkennen ist und ...


... in einem herrlichen Kontrast zu den Kirchen auf der Görlitzer Seite steht, wie ein Seiteneingang zur Nikolaikirche beweist. Genau dieses Bild habe ich von Schlesien gewonnen - eine Kontrastreiche Region, die es immer wieder wert ist, bereist und fotografiert zu werden.

Und am Schluss

oder am Anfang (je nach Sichtweise): Noch ein paar Tipps und Tricks zur Landschaftsphotographie!
1. Such dir ein Thema aus, wie beispielsweise durch Menschen veränderte Landschaften oder Kontraste/Farben, das du verfolgst und für das du deine Augen öffnest.
2. „Raus aus der Mitte!“ Soll heißen, dass du auf den goldenen Schnitt achten solltest. Vielleicht ist dies nicht bei jedem Foto notwendig, aber generell gilt, dass dieser Bildaufbau von unseren Augen als harmonisch wahrgenommen wird und das Motiv für den Betrachter interessanter wird.
3. Beziehe Fluchtpunkte, Diagonalen/Linien oder auch Flächen und Strukturen in deinen Bildaufbau ein, um zum Beispiel Tiefe in deinem Bild zu erzeugen. Beachte dabei auch die Horizontlinie, die je nach Lage Bedeutungen aufbauen kann.
4. „Vordergrund macht Bild gesund“, denn beispielsweise ein Ast, der von irgendwo ins Bild rein ragt, sieht für den Betrachter unnatürlich aus und stört nur. Entweder ohne Ast oder den gesamten Baum zeigen, sodass zu sehen ist, woher der Ast kommt. Dies trifft natürlich nicht nur für Äste, sondern auch für andere Dinge zu.
5. Die Natur schafft die schönsten Farbkontraste, z.B. Rot- und Grüntöne als Komplementärkontraste oder im Winter Hell-Dunkelkontraste.
6. Und zuletzt „Nicht das erste Foto ist das Beste, sondern das Erstbeste“. Mache mehr Fotos und aus verschiedenen Perspektiven - denn unscharfe Fotos oder ein schlechter Bildaufbau können nicht immer via Bildbearbeitung gerettet werden.

Opava (CZ) - März 2009

Wer ist eigentlich der Schlesier und gibt es überhaupt den Schlesier? Diesmal führte uns unser Weg nach Troppau/Opava in Tschechien, um dies herauszufinden. Basierend auf dem neu Erlernten und den Übungen zur Portraitfotographie trafen wir dazu die deutsche Minderheit in Krawarn und Troppau, um unseren Schlesier zu entdecken.
Viele Erinnerungen werden in unseren Gesprächen ausgetauscht, die aufgeschrieben und festgehalten werden müssen. Für uns bietet sich eine einmalige Gelegenheit, denn wir reden mit den letzten Zeitzeugen einer Generation, die den Zweiten Weltkrieg (oft als Kinder) und die anschließende kommunistische Diktatur erlebt haben.


Für viele Angehörge der deutschen Minderheit war die kommunistische Ära geprägt durch zahlreiche Verbote, denn Deutsch sprechen wurde oftmals unter Strafe gestellt. Gerade die mittlere Generation kann deswegen kaum die Sprache ihrer Vorfahren sprechen. Den Neuanfang in der Tschechoslowakischen Republik prägten viele Schwierigkeiten, die überwunden werden mussten.


Irmgard Hajek, geboren in der Nähe von Troppau, hat ihre deutsche Heimat nie verlassen, auch als Troppau nach dem Zweiten Weltkrieg die tschechische Stadt Opava wurde. Immernoch fühlt sie sich als Deutsche, wenngleich sie fließend tschechisch spricht, und ist auf ihre Stadt Troppau stolz. Heute leben ihre Verwandschaft und Kinder u.a. in Kanada, Australien und Wien.
"Wir sind Oberschlesier" so die einhellige Meinung der deutschen Minderheit in Krawarn. Jede Woche treffen sich die zumeist über 70jährigen, um gemeinsam deutsche Lieder wie z.B. "Am Brunnen vor dem Tore" zu singen. Doch sie machen sich Gedanken um die Zukunft, denn immer weniger ihrer Enkel interessieren sich für die deutsche Sprache und Kultur.

Lubowitz (PL) - Februar 2009

Unser Thema für das erste Wochenende in Lubowitz: Landschaftsfotographie und das im Winter! Alles langweilig und weiß? Irrtum, die Entdeckungsreise wird durch den erneuten Wintereinbruch gerade spannend und eine Herausforderung.

Hier die Schlossruine von Lubowitz, in welcher der schlesische Dichter Joseph Freiherr von Eichendorff geboren wurde und die seit ihrer Zerstörung im Jahr 1945 brach liegt. Die Ruine und der Ort Lubowitz zeugen von der wechselvollen deutsch-polnisch-schlesischen Geschichte, die seit den 1990er Jahren immer mehr zum Zeichen für ein friedvolles Zusammenleben werden soll.

Lubowitz umgibt eine Landschaft, die zunächst karg und dann doch reizvoll erscheint. Wie nehmen die heutigen Bewohner ihre Landschaft wahr, die Eichendorff in seinen romantischen Dichtungen geprägt haben muss?



Nach langem Suchen konnten wir sie endlich finden: Die Oder. Der Fluss ziehe sich durch Schlesien, wie eine Ader durch ein Baumblatt und präge wesentlich die Landschaft, so Herr Gaida, ein deutscher Schlesier aus Oppeln, im Gespräch mit uns.

Am Rande des Oderdamms lassen sich Spuren finden, die auf Oberschlesien als Industriegebiet hinweisen. Dabei stehen Natur und Maschine im Kontrast, wobei der Mensch die Landschaft verändert und sie für sich nutzbar macht.

Bei einer Reise durch Oberschlesien tritt neben der industriellen Landschaft jedoch vor allem die religiöse Dimension in den Vordergrund. Zahlreiche Kirchen säumen Dörfer und Städte, Kreuze befinden sich auf Feldern und am Straßenrand. Bei unserer Heimfahrt am Sonntag fuhren wir dann an etlichen Kirchen vorbei, vor denen lange Autoschlangen parkten. Auch die Messe in Lubowitz, einem Dorf mit ca. 300 Einwohnern, sei mit 700 Teilnehmern jeden Sonntag voll besucht, so erfuhren wir beim Besuch der Kirche. Bereits Eichendorffs Werke spiegeln die große Bedeutung der Religiosität wieder, die anscheinend bis heute die Region wesentlich prägt.